Grenzen des Wachstumsglaubens
Das große Sterben!
Bonn / Frankfurt am Main – In einem Interview mit Professor Meinhard Miegel hinterfragt FREI.GESAGT!-Herausgeber Tom Rohrböck (auf dem Foto mit Prof. Miegel) die gesellschaftspolitischen Prognosen des renommierten Wissenschaftlers.
Professor Meinhard Miegel ist einer der profiliertesten Sozialwissenschaftler unserer Zeit. Tom Rohrböck sprach mit ihm über gesellschaftliche Entwicklungen und eine auf Wachstum hin orientierte Politik.
Rohrböck: “Herr Professor Miegel, die neue Bundesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt mit einem „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ unserer Gesellschaft wieder mehr Spielraum zu verschaffen. Ohne Wachstum sei alles nichts, argumentiert man. Sie sehen das sehr kritisch, weshalb?”
Professor Miegel: “Alle Parteien, nicht nur die derzeit in der Bundesregierung vertretenen, lavieren bei den Wahrheiten und Lösungen für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft herum. Es scheint viel bequemer zu sein, der Bevölkerung ein weiteres Wohlstandswachstum in Aussicht zu stellen, als den Wählern die bittere Wahrheit zu sagen, dass wir bestensfalls noch darum kämpfen können unser bislang geschaffenes materielles Wohlstandsniveau zu erhalten. Von gesundem Wachstumspotenzial kann schon aus ökologischer Sicht nicht mehr ernsthaft gesprochen werden. Die Ressourcen dazu werden ja immer knapper. Und die Parteien in Deutschland sind längst zu einer Nachhut der gesellschaftlichen Entwicklung geworden. Aus der Politik kommen kaum noch zukunftsfähige Impulse, sondern nur noch Verteidigungsrituale zum eigenen Machterhalt, obwohl doch alle Regierungen tatsächlich immer machtloser geworden sind.”
Rohrböck: “Aber der gefühlte Wohlstand unseres Landes nimmt doch nicht ab, sondern zu. Deutschland galt bis vor Kurzem als Exportweltmeister und unsere Leistungsbilanz ist zum Leidwesen anderer Volkswirtschaften von satten Überschüssen geprägt. Sehen Sie das nicht alles etwas zu kritisch?”
Professor Miegel: “Ein Exportweltmeister zu sein ist doch kein Wohlstandsattribut! Wir definieren überhaupt unsere Wohlstandsansprüche zu materiell. Vergleichen Sie doch mal die öffentliche Infrastruktur mit der vor 20 oder 30 Jahren. Unser Straßen- und Schienennetz ist zwar weiter gewachsen, doch die Qualität gerade kommunaler Verkehrswege nimmt von Jahr zu Jahr ab, öffentliche Schwimmbäder machen zu, und unser Angebot an Kindergärten und Schulen ist doch objektiv betrachtet unzureichend. Wie definieren wir folglich unseren Wohlstand? Doch nicht nur an den im Urlaub geflogenen Meilen. Sicherlich müssen wir keine Sorge mehr haben, dass wir jemals wieder schwer körperlich arbeiten müssen, um Wohlstand zu erhalten, doch der internationale Verteilungskampf um Ressourcen wird unsere Spielräume arg einengen.”
Rohrböck: “Aber es ist doch nicht in erster Linie der Verbrauch von Fläche, Kohle, Stahl oder Erdöl, der das Wachstumspotenzial bestimmt, sondern der technische Fortschritt. Und der hat ein unerschöpfliches Potenzial. Zudem sind die öffentlichen Haushalte inzwischen so stark verschuldet, dass doch nur ein nachhaltiger Wachstumsschub eine Sanierung der Staatsfinanzen in Aussicht stellen kann. Oder wie glauben Sie, lässt sich die galoppierende Staatsverschuldung noch stoppen?”
Professor Miegel: “Das geht nur noch mit brachialer Gewalt! Die Haushalte in modernen Industrieländern sind in einem Punkt ähnlich gestaltet: Fast überall – ob nun in Deutschland, Großbritannien, Frankreich oder den USA – wird rund ein Sechstel des Bruttoinlandsproduktes für unabweisliche staatliche Ausgaben benötigt. Dazu zählen Verteidigung, innere Sicherheit oder Justiz. Gestaltungsräume bestehen fast ausschließlich im sozialen Teil. Hier liegt die internationale Spannbreite zwischen einem weiteren Sechstel, wie in den USA, und einem Drittel, wie in Deutschland. Wenn man also die Haushalte sanieren will, muss man – egal wie grausam das klingt – Sozialkürzungen vornehmen. Das ist gerade in Deutschland aber äußerst heikel. Daherwerden alle Parteien sich so lange um diese Wahrheiten drücken, bis es dann richtig kracht.”
Rohrböck: “Sie skizzieren unsere volkswirtschaftlichen Aussichten fast schon so düster wie dereinst der englische Nationalökonom Thomas Robert Malthus, der schon im beginnenden 19. Jahrhundert eine Weltüberbevölkerung sah und strengste Geburtenregelungen empfahl, um Hungerkatastrophen und Ressourcen-Kriege zu vermeiden. Und Malthus hat sich doch geirrt.”
Professor Miegel: “Hat er das wirklich? Hungerkatastrophen und Ressourcenkriege sind doch an der Tagesordnung. Es mag sein, dass sich in Europa und einigen aus der europäischen Kultur heraus sozialisierten Ländern ein gewisser Wohlstand und Friede in den letzten 50 Jahren entwickelt hat. Aber was ist mit dem Rest der Welt? Wir betrachten die Möglichkeiten doch etwas aus der Käseglocke heraus. Ich befürchte im 21. Jahrhundert eine Zeit des großen Sterbens. Oder glauben Sie tatsächlich, dass sich die Verschiebungen der globalen Machtverhältnisse von Europa und Nordamerika weg und hin zu China oder Indien ganz ohne Reibungsverluste abspielen werden? Die Chinesen sind bereits bekannt dafür, dass sie versuchen, sich Rohstoffreserven auch in den armen Staaten des afrikanischen Kontinents zu sichern. Sie machen das bislang mit Geld und nicht mit Kanonenbooten, wie es im Zeitalter des Imperialismus die europäischen Staaten taten. Doch die Ziele sind ähnlich. Der relative Wohlstand des einen wird immer auch zum relativen Mangel des anderen. Und was wir aus Menschensicht dabei kaum beachten, ist, dass das große Sterben so vieler Pflanzen und Tierarten unsere Welt immer ärmer an Vielfalt macht. Hier gehen mitunter auch Möglichkeiten verloren, von denen wir noch nicht einmal wussten, dass es welche waren. Es ist von uns auch eine Käseglockenmentalität wenn wir es feiern, dass das Rheinwasser wieder sauberer geworden ist, zeitgleich aber am Amazonas der Urwald verschwindet und aus den großen Flüssen Chinas eine gigantische Kloake wird. Wenn der Rest der Welt den gleichen Industrialisierungsweg wie dereinst die westliche Welt ginge, wäre es ganz sicher das Ende unseres Globus. Riesige Probleme stehen vor uns! Aber wir träumen noch aus einer heilen Welt der Nachkriegszeit heraus.”
| Prof. Dr. Meinhard Miegel veröffentlichte Schriften zu Themen wie Demographie, Arbeitsmarkt und Wertewandel. |
| 1970 – 1973 | Syndikusanwalt und Assistent der zentralen Geschäftsführung der Firma Henkel & Cie., Düsseldorf |
| 1973 – 1977 | Mitarbeiter des Generalsekretärs der CDU, Prof. Dr. Kurt H. Biedenkopf, ab 1975 Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter der Hauptabteilung Politik, Information und Dokumentation der Bundesgeschäftsstelle der CDU in Bonn |
| 1977 – 2008 | Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG BONN) |
| seit 2007 | Vorsitzender des Vorstandes des Denkwerks Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung |
| Preise | 1995 Cicero Preis 2000 Schader Preis 2002 Corine Internationaler Buchpreis 2004 Hanns-Martin-Schleyer Preis |










Ich denke mal, dass Prof. Miegel alles etwas zu pessimistisch sieht. Sicherlich gibt es Gründe, den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt auch kritisch zu hinterfragen. Doch letztendlich ermöglicht uns der Fortschritt auch Wachstum, und umgekehrt!
Der Mensch möchte nicht auf der Stelle treten. Es geht voran!
Ich höre immer nur Wachstum, daß kann aber nicht alles sein.Nachhaltigkeit ist das Zauberwort,doch davon wollen die meisten der heutigen Politker und Wirtschafts-Bosse nicht hören.
Die Zukunft wir “HEUTE” gemacht ,um also die Zukunft zu gestallten müssen wir die Probleme von heute lösen.Dabei müssen auch Themen angesprochen werden die unbequem sind !